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Betrachtungen zum Homeschooling - verfasst von der Grundschullehrerin einer lustigen Rasselbande von 20 aufgeweckten Zweitklässlern
 

Homeschooling ist …

… laut Wikipedia: Hausunterricht (auch häuslicher Unterricht, Heimunterricht oder Domizilunterricht), also eine Form der Bildung und Erziehung, bei der die Kinder zu Hause, oder an anderen Orten außerhalb einer Schule, von den Eltern oder von Privatlehrern unterrichtet werden.


Fiktive Schlagzeile

N  e  u  e  s  t  e   B  r  ä  u  n  s  d  o  r  f  e  r   N  a  c  h  r  i  c  h  t  e  n  -  1  6.  M  ä  r  z   2  0  2  0


H o m e s c h o o l i n g
eine legale, in Deutschland, Sachsen, und somit auch in Bräunsdorf
weitverbreitete Form der Bildung und Erziehung


Hätte mir, Grundschullehrerin einer lustigen Rasselbande von 20 aufgeweckten Zweitklässlern, das vor 4 Wochen jemand gesagt, hätte ich laut gelacht, mich ernsthaft gefragt, ob ich eventuell einen Wein zu viel getrunken habe, zu schnell Karussell gefahren bin oder, wegen beidem, gerade schlecht träume.

Nun reibe ich mir mal die Augen... Moment... so, fertig!

Und nein, ich träume nicht. Es ist wahr und ich stecke, mit meiner Klasse, nein, mit meiner Schule, ach was… mit dem gesamten Bildungssystem Deutschlands, (der Welt?) mittendrin und unter einer „Homeschooling- Decke“.

Wie bin ich hier nur hingekommen? Merkwürdig, denn irgendwie fühlt es sich nicht so an, wie ich es mir vor 4 Wochen vorgestellt hätte. Als es hieß, ab Montag bleiben alle zu Hause, spürte ich ganz deutlich, wie sich die Spaghetti in meinem Kopf sekündlich vermehrten, nicht nachvollziehbare Wege durch diesen Wirrwarr von Gedankengängen suchten und leider auch fanden.

Was heißt das jetzt ganz speziell für mich als Grundschullehrerin einer lustigen Rasselbande von 20 aufgeweckten Zweitklässlern, die, wie ich jetzt einfach mal so für mich festlege, eigentlich ganz gern in die Schule kommen? 

Vielleicht:

  • nicht um halb 6 aufstehen
  • keine Angst vor Glatteis
  • kein Gewusel im Klassenzimmer
  • kein: „Dora, jetzt mach doch mal ein bisschen hin!“
  • kein: „Carol, hör auf zu kippeln!“
  • kein: „Maja, hör besser zu!“
  • kein: „Meine Flasche ist ausgelaufen!“
  • kein: „Meine Mama hat vergessen mir das einzupacken…“
  • kein Weg im Regen zur Turnhalle
  • kein: „Mein Computer funktioniert nicht!“


Hmmmm… das klingt ja gar nicht so schlecht. Nein,

„Das wird super!“

JUHUHHH!!!Ich freu mich total auf diese ruhige Zeit. Vorausgesetzt, ich werde nicht krank. Also ein bisschen Angst ist da schon.

Aber naja, wir werden sehen!

Und wie wird das denn nun mit der „Bildung und Erziehung“ der Kids, ist ja, laut Wikipedia, auch Merkmal vom Homeschooling? Wie halte ich Verbindung zu den Kindern und Kolleginnen? Wie können die Kids weiter lernen, ohne in der Schule zu sein? Wie hält man die Verbindung zu den Elternhäusern? Was wird mit den Schulbüchern, die ja teilweise noch in der Schule liegen?

Ohhh… ich merke relativ schnell, dass meine Vorstellungen dieser idyllischen Ruhe wohl etwas voreilig getroffen und ziemlich unrealistisch waren.

Aber naja, wir werden sehen.

Und ich spüre etwas schon ganz deutlich: jetzt sitzen die Spaghetti auch noch auf dem Karussell und mein Kopf versucht krampfhaft, irgendwo ein Ventil für die so entstehenden, orkanartigen Luftzirkulationen zu finden, was sich in quälenden Kopfschmerzen äußert. Na, das kann ja lustig werden.

Aber naja, wir werden sehen.


Z  e  i  t  s  p  r  u  n  g   z  u   m   F  r  e  i  t  a  g   -   0  3.   A  p  r  i  l   2  0  2  0


Zustandsbericht einer Grundschullehrerin nach 3 Wochen Homeschooling mit einer lustigen Rasselbande von 20 aufgeweckten Zweitklässlern und deren Eltern:

Ich beginne meinen Homeschooling-Tag sehr entspannt.

Nachdem ich gefrühstückt habe, zeigt mir ein Blick auf mein Diensthandy, dass ganz viele Aufgaben von meinen Kids erledigt wurden. Toll! Ich freu mich drauf. Häkchen-Liste raus und jedes einzelne Blatt nachgesehen. Parallel dazu wird das neue Aufgabenblatt für morgen verfasst, währenddessen ein Bild bei Threema eintrudelt, auf dem ein Kind meiner Klasse  Schwimmunterricht auf dem heimischen Wohnzimmerboden übt und mich damit herzlich zum Lachen bringt.

Ich atme durch. Weiter geht’s.

Jetzt klingeln mir die Ohren, da der Kolleginnenchat mir 20! ungelesene Nachrichten anzeigt. Geben wir Noten oder nicht? Wie machen wir das mit den Rückmeldungen an die Familien? Oh, schwierige Fragen! Treffen vor Ort verboten, also Treffen online. Schön, dass wir uns alle mal wieder sehen, wir lachen viel, treffen gemeinsame Entscheidungen - besseres Gefühl, nachdem wir uns verabschiedet haben. Toll! Kann also weiter gehen. Mittlerweile ist es 14.30 Uhr. Computer aus. Diensthandy auf stumm. Ruhe.

Hmmm… und jetzt?

Komisch, aber irgendwie fehlen sie mir jetzt ganz doll… die Dora, der Carol, die Maja, das Gewusel, die Turnhalle… Hoffentlich sehen wir uns alle recht bald wieder!

Naja, wir werden sehen.

 

Herzliche Grüße an alle von Frau Mohr-Selbmann
Grundschullehrerin einer lustigen Rasselbande von 20 aufgeweckten Zweitklässlern

 

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